Als ich mich Ende Oktober zwischen rauen Klippen am westlichsten Punkt des kontinentalen Europas wiederfand, baumelte zu meiner Freude eine kleine schwarze Kamera (mit einem noch kleineren roten Punkt auf ihrem Gehäuse) um meinen Hals. Der schmale, braune Ledergurt, an dem sie befestigt war, hatte keine Mühe, die nicht einmal 750 Gramm von einem Strand zum nächsten zu tragen. Bei all der Schwere, die uns momentan umströmt, tat es irgendwie gut barfuß – und zur Abwechslung ohne große Last auf den Schultern – durch die Brandung zu laufen.

Praia da Ursa

Irgendwann habe ich trotz IP 52 (Schutz vor Staub und bis zu 15° schräg fallendem Tropfwasser – wer auch immer das getestet hat) kalte Füße bekommen und die Leica Q2, über die ich heute sprechen will, fernab der tosenden Wellen einmal genauer betrachtet. Zuallererst fiel mir auf, wie wenig Knöpfe zur Auswahl stehen und sich der Verkaufsschlager aus Wetzlar diesbezüglich selbst gegenüber meinem Hemd geschlagen geben musste. Erstaunlicherweise erschwert dieses doch eher minimalistische Design das Arbeiten mit ihr nicht. Für die seltenen Fälle, in denen man Anpassungen vornehmen muss, helfen einem das strukturierte Menü und das berührungsempfindliche Display schnell weiter. ”Weniger ist mehr” scheint also auch im Kamerakosmos zu funktionieren.

Praia da Ursa

Die Brennweite von 28 mm entspricht in etwa der Hauptkamera eines sehr bekannten Smartphones mit abgebissenem Apfellogo auf der Rückseite. Will man “etwas näher dran sein” bietet der hochauflösende Vollformat-Sensor (47,3 Megapixel) zudem viel Raum für Freistellungsmöglichkeiten. Wem das nicht reicht, kann auch von den Makrofähigkeiten des Objektivs Gebrauch machen – dann allerdings nur mit einer maximalen Offenblende von 2,8 (anstatt 1,7). Eigentlich hatte mir fest vorgenommen, diese Funktion an einem der mit Pudding gefüllten portugiesischen Blätterteigtörtchen auszuprobieren. Am Ende siegte aber immer der Hunger und die Leica Q2 war – trotz ihrer minimalen Belichtungszeit von 1/40.000 – einfach nicht schnell genug. Die besten Pastel de Nata, wie die oben aufgeführte Spezialität übrigens genannt wird, gibt es laut Google-Rezensionen übrigens in Belém (Pastel de Belem), einem Vorort von Lissabon. Nicht ohne Grund muss man sich hierfür in eine lange Schlange einreihen.

In allen anderen Situationen leistet der elektronische Verschluss jedoch ausgezeichnete Arbeit, und ermöglicht einem selbst mit der Sonne im Zenit und ohne ND-Filter die Blende ganz zu öffnen. Das mechanische Pendant habe ich erst gar nicht ausprobiert, auch wenn es bestimmt Gründe gegeben hätte, dies zu tun (z. B. um einmal den unverwechselbaren Leica-Sound erklingen zu lassen). Vielleicht genoss ich einfach die ungewohnte Stille. Kein Geräusch beim Auslösen der Kamera zu vernehmen, hatte definitiv etwas Beruhigendes.

Praia dos Três Irmãos

Praia dos Três Irmãos

Während viele meiner Freunde fast ausschließlich das Display auf der Rückseite ihrer Kameras zum Fotografieren verwenden, kleben meinen Augen meistens am Gehäuse wie Klimaaktivisten an Kunstwerken. Vielleicht habe ich hierdurch das Gefühl, die Welt um mich ausblenden zu können und so nur das Wesentliche im Fokus zu haben. Die Sucher der Leica Q2 kann mit seinen 3,68 Megapixel zwar nicht an den Flaggschiffen der Konkurrenz vorbeiziehen, lieferte mit der warmen Oktobersonne aber immer ein klares, natürliches Bild.

Praia da Falésia

Praia da Falésia

Doch wo Licht ist, ist bekanntlich auch ein bisschen Schatten. So führte der leichtgängige An-Aus-Schulter in meinem Rucksack ab und zu ein ungewolltes Eigenleben, was sich glücklicherweise nicht spürbar auf den Akkustand auswirkte. Wer sich etwas mehr Griffigkeit wünscht, kann auf die separat erhältliche Daumenstütze zurückgreifen oder hoffen eines Tages mit Geckohänden aufzuwachen. Letztere bleiben beim jetzigen Stand der Gentechnik in naher Zukunft leider pures Wunschdenken, weshalb die etwas mehr als 200 Euro für viele sicher eine sinnvolle Investition darstellen.

Praia da Falésia

Praia dos Três Irmãos

Verbesserungspotential gibt es auch beim Autofokus, dessen Geschwindigkeit und Treffsicherheit zwar sehr gut, jedoch nicht allen Situationen überragend ist. Außerdem hätte ich mir einen richtigen Augen-AF gewünscht, anstatt “nur” eine Gesichtskennung. Mein größter Kritikpunkt ist, und hier dürfte ich nicht alleine sein, das Fehlen einer 50-mm-Variante. Vielleicht ist es meiner mangelnden Erfahrung im Umgang mit weitwinkligen Objektiven geschuldet, aber insbesondere bei Nahaufnahmen von Menschen sind mir 28 mm manchmal zu viel des Guten. Heißt das nun, mit der Leica Q2 lassen sich keine guten Porträts aufnehmen? Das Gegenteil ist der Fall. Es ist nur ein anderer Look, den man mögen muss und der vielleicht nicht für jede Situation bzw. jedes Gesicht perfekt geeignet ist. Aber welches Objektiv ist das schon?

Praia da Ursa

Praia dos Três Irmãos

Dass die RAW-Files bereits kameraintern korrigiert sind, stört mich wenig – ganz im Gegenteil zu den vielen Tik-Tok-Teenagern, die einem immer wieder ins Bild tanzen. Dank des großen Dynamikumgangs und der hohen Auflösung – gepaart mit der ausgezeichneten Schärfe der Festbrennweite – macht die Bearbeitung deutlich mehr Spaß als der Abschied von 25 Grad oder der letzte Blick aus dem Flugzeugfenster auf das schöne Portugal.

Praia da Ursa

Praia da Ursa

Praia da Falésia

Zusammenfassend kann ich sagen, dass man mit der Leica Q2 nichts falsch machen kann. Sie ist kompakt, robust, (in den meisten Situationen) schnell und liefert zudem eine herausragende Bildqualität. Vor allem aber macht es Spaß, mit ihr zu fotografieren. Wer sich von ihrem (durchaus gerechtfertigten) Preis nicht einschüchtern lässt, den erwarten höchstwahrscheinlich viele schöne Momente und Bilder, die sich am Ende des Tages nur schwer in Geld aufwiegen lassen.

Vielen Dank noch einmal an Alexander Görlitz von Foto Görlitz für die Möglichkeit diese wunderbare Kamera eine Weile begleiten zu dürfen.

Transparenz: Das Produkt wurde mir zu Testzwecken für einen Zeitraum von 3 Wochen von Foto Görlitz ausgeliehen.